Foto: Verena Meier

Vroni Kiefer - Schauspielerin, Autorin, Quizzerin

Liebe Kalenderfreund*Innen,

Mein Name ist Vroni Kiefer. Ich habe Geisteswissenschaften studiert, bin ausgebildete Schauspielerin und leidenschaftliche Quizzerin. Ich lebe alleinerziehend mit zwei Kindern in Hannover. Mein Berufsfeld hat sich in diesem Jahr stark verschoben. Ich arbeite hauptsächlich als Autorin, kreative Texterin und in der Lernförderung. Mit "Fuchsi" gewann ich in diesem Jahr den dritten Platz beim "Goldstaub"-Wettbewerb der Autorinnenvereinigung. 

Vroni Kiefer, Schauspielerin

Von mir gibt es heute einen ganz persönlichen Gruß, einen Text, der auf meinen Kindheitserinnerungen basiert. Vielleicht habt Ihr ja auch Lust, Euer altes Kuscheltier mal wieder heurauszuholen und zu knuddeln? Was brauchen wir mehr in dieser Zeit als eine Umarmung solcher bedingungsloser Liebe ... 

Herzliche Grüße und viel Freude beim Lesen,

Vroni Kiefer
www.vroni-kiefer.de

Fuchsi

Fuchsi

Du musst so weich gewesen sein. Dein heute stumpf sandfarbenes Fell
leuchtete sicher in schönstem Dünenrotgold, und von der unteren Schnauze
über den Hals bis zu den Beinen zog sich ein schneeweißer Bauch und nicht
das, was man jetzt vornehm wohl Écru nennen müsste. Der Kopf saß fest auf
dem Hals, und fraglos sah der Schwanz noch nicht aus, als hätte sich eine
Flunder in deinem Hinterteil verbissen.
Du hättest alles sein können, ein Hase, ein Äffchen, ein Otter oder mit höchster
Wahrscheinlichkeit ein Bär. Nun warst du eben ein Fuchs, und warst da vom
ersten Tag an. Sie hatten dich dabei, als Notnagel, als Vorsichtsmaßnahme. Wie
überzeugt man eine Anderthalbjährige mitzugehen, wenn sie nicht will? Die
Methoden wohlmeinender Menschen unterscheiden sich da nicht wesentlich
von denen mit niederen Zielen.
Doch du erinnerst dich vielleicht, dass es keiner Überredung bedurfte. Habe ich
dich bewusst wahrgenommen damals, mit dem Maß an Bewusstsein, das mir
zu jenem Zeitpunkt zueigen war? Ich vermute, ich war zu beschäftigt, meinen
Schnuller dem neuen Babba in den Mund schieben zu wollen, meine bis dahin angelegte Existenz zusammen mit dem bis dahin geltenden Namen
zurückzulassen. In dieser ersten deutlichen Erinnerung kommst du nicht vor,
ich weiß nur, dass du dabei warst, und doch hast du dich eingeschrieben in
diesen Moment.
Denn du warst das erste, was in dieser neuen Existenz nur mir gehörte. Alles
andere war ein Geflecht, sehr viel überschaubarer als das zuvor aber nicht
weniger komplex; plötzlich gab es nicht „Mutter“ und alle anderen Kinder und
noch eine Mutter und auch einen Vater, die hin und wieder erschienen. Es gab
nun Mama und Babba, zwei große Brüder und eine Rolle als Nesthäkchen
gratis. Mit dem Perlonkleid, das Mama wegwarf, mit den Blasen, die sie
einsalbte, mit den verfilzten Locken, die auf den Boden fielen, ließen wir beide,
du und ich, Mia in ihrem Keller zurück mit den seltsamen, dunklen Träumen,
mit dem unbestimmt bedrohlichen Gefühl, das sie empfand und gingen
strahlend in ein Leben als Vivi, der Sonnenschein. Du warst und bliebst bei mir.
Als ich meinem einen Bruder wohlmeinend ein kleines Stück aus dem Hintern
biss und dafür gleich anschließend die Ukulele auf meinem Hintern zersprang,
das erste, was meinem Vater in die Hände kam. Du sahst es, ließest dich
nachher an mich pressen saugtest meine Tränen in deinem Fell auf.
Als der Hund zurück ins Heim musste und ich dachte, ich müsste es dann wohl
auch, wenn ich etwas falsch machte. Obwohl ich bestimmt nicht „wildern“
wollte! Was auch immer das war. Du hörtest es und ließest mich meine
Fingerchen in dein Fleisch krallen ohne einen Mucks.
Als ich glücklich war an so vielen Tagen, von der Straße, dem täglichen
Versteckenspielen, dem ersten Begreifen zarter Freundschaft außer Atem
zurückkam. Oder allein das Lesen lernte von der Buchstabentapete. Oder
glaubte, Kraft meines innigsten Verlangens die Geschichten der Drei ???
Realität werden lassen und darin vorkommen zu können. Du spürtest es und
ließest dir einen Kinderkuss auf die mit schwarzem Faden genähte Nase geben.
So nahmst du mein ganzes Leben in dich auf, auf dir der tausendfache Abdruck
des immer gleichen Händepaares, nutztest dich ab anstelle meiner Seele, als
hätten wir einen gütigen Dorian-Gray-Pakt. Und wirklich begann ich
irgendwann aus deinen goldfarbenen Augen abzulesen, wie es mir ging. Ihr
Ausdruck schien stets anders und tatsächlich ein Fenster zur Seele, zu meiner
eben. Einmal warf dich ein Freund mir sehr ungenau zu, es gab einen hellen
Knall an der Heizung, und ein Auge war ab. Meine Mutter nähte ein neues
Augenpaar an – und plötzlich hattest du grüne Augen. Schon das war
befremdlich, doch zudem waren sie jetzt deine Schwachstelle und hielten nicht
mehr gut. Später bekamst du Augen in einem noch helleren, stechenden Grün
mit Katzenpupillen. Ich war dir immer mehr entfremdet, doch hatte ich
heimlich auch das Gefühl, mit mir stimme etwas nicht. Irgendwann vermied ich
den Blick in diesen Spiegel, vergaß gar den Spiegel, ließ ihn, dem Symbolglauben scheinbar entwachsen, am Ende zwischen den Kuscheltieren
der eigenen Tochter ins Leere starren.
Ich sitze und schreibe und fasse nicht, wie ich dich so verlöschen lassen konnte.
Ich weiß jetzt, was ich tun werde! Nicht, weil ich die Spuren verwischen will,
nicht weil ich verleugnen will, was war, sondern weil ich dir meinen Respekt
bezeugen, es an dir wiedergutmachen will, dich wieder zu dem werden lassen
will, der du eigentlich bist. Ich werde dich also zu einem Puppendoktor geben,
deinen Schwanz wieder bauschig füllen, Fell und Bauch fachkundig reinigen
lassen und dir vor allem deine goldfarbenen Augen wiedergeben. Weshalb ich
so grinse, fragst du? Weil es zwar vermutlich einiges kosten wird, aber
keinesfalls so viel, wie so etwas normalerweise kostet. Ich kann nämlich jetzt
schon spüren, wie ich schöner werde.

P.S. Vielen Dank für Ihre Anregung und Anfragen, ob der Künstlerkalender und die darin auftretenden Künstler unterstützt werden können! Ihre Zuwendung ist willkommen und wird mit Dankbarkeit angenommen. Natürlich dürfen Sie auch abgesehen davon, weiterhin den Künstlerkalender genießen und weiterempfehlen. Auch das ist wertvolle Unterstützung!

Bitte nennen Sie Ihr/e/n bevorzugten Künstler/in oder Ensemble, oder ob Ihre Zuwendung allen Kalenderkünstler*Innen gilt. 
paypal.me/nicoletaionklavier
Weitere Kontoverbindung bitte anfragen.

Herzlichen Dank und weiterhin viel Freude mit unseren virtuellen Kalenderblättern,

Nicoleta Ion mit ihren bezaubernden Kalenderkünstleri*Innen